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Drogenpolitisches Memorandum

Die Drogenpolitik in Deutschland braucht eine neue Logik -
Forderungen zu einem drogenpolitischen Neubeginn


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  1. Ausgangspunkt der Neuorientierung:
    ein substanzübergreifendes Verständnis von Drogengebrauch, -mißbrauch und -abhängigkeit

Nach neuesten repräsentativen Erhebungen gibt es in der Bundesrepublik Deutschland 17,7 Millionen RaucherInnen im berufsfähigen Alter (= 36,2% der 18- bis 59jährigen); über 40% von diesen rauchen mehr als 20 Zigaretten täglich (Hauptstelle gegen die Suchtgefahren: Jahrbuch gegen die Suchtgefahren 1996, S.75ff.). Über 6,5 Millionen Erwachsene im berufsfähigen Alter (= 13,3%) konsumieren in Deutschland mißbräuchlich Alkohol, rund 2,5 Millionen der Gesamtbevölkerung (= 3,1%) sind, die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde gelegt, behandlungsbedürftig (ebenda, S. 31ff.). Nahezu eine Million Menschen sind als medikamentenabhängig zu klassifizieren (ebenda).

Diesen epidemiologischen Eckdaten zum Konsum legalisierter Drogen stehen jene zum Gebrauch illegalisierter Drogen gegenüber: In den letzten zwölf Monaten des Jahres 1995 konsumierten in Ostdeutschland nur 1,9%, in Westdeutschland rund 5,4% der berufsfähigen Bevölkerung illegalisierte Drogen (Jahrbuch Sucht 1997, S. 97ff.). Bei letzteren handelt es sich mehrheitlich um Haschisch/Marihuana. Die Zahl der OpiatkonsumentInnen vor allem der von Heroin liegt mit rund 225.000 bis 275.000 Personen deutlich niedriger (ebenda, S. 65). Wie viele Menschen in Deutschland Kokain und/oder Amphetamine nehmen, ist weitgehend unbekannt.

Die Fakten machen nachvollziehbar: Die illegalisierten Substanzen spielen epidemiologisch nicht jene Rolle, die ihnen in den Medien und der politischen Öffentlichkeit so gerne eingeräumt wird. Evident wird vielmehr eine unangemessene öffentliche Skandalisierung, mit der der Konsum illegalisierter Drogen als "Drogensonderwirklichkeit" inszeniert wird. Damit einher geht eine undifferenzierte Präsentation aller illegalisierter KonsumentInnen als "süchtig", obwohl deren Mehrzahl diese Drogen durchaus reflektiert und weitgehend kontrolliert gebraucht oder sie mangels legaler Verfügbarkeit in Selbstmedikation therapeutisch anwendet (z.B. im Fall von Cannabis).

Die Lebenspraxis von DrogenkonsumentInnen wie auch die Erfahrungen aus unserer Arbeit als BeraterInnen, TherapeutInnen und Behandelnde unterstreicht, daß die widersprüchlichen Problem- und Bedürfnislagen der KonsumentInnen illegalisierter Drogen gesellschaftlich zu akzeptieren sind: Wer Drogen konsumiert, ist nicht zwangsläufig "süchtig", nicht jeder Gebrauch von Drogen führt "automatisch" in die Abhängigkeit. Die Vorstellung, Drogen und Selbstkontrolle seien miteinander unvereinbar, gehört der Vergangenheit an. Die Grundannahme des Gesetzgebers, jeder Konsum psychoaktiver Substanzen sei ein Mißbrauch, trifft nicht zu. Anzuerkennen ist vielmehr, daß es auch den reflektierten, kontrollierten, nicht selbst- und fremdgefährdenden Konsum bisher illegalisierter psychoaktiver Substanzen gibt, der sich schlicht als Drogengebrauch darstellt. Diese Tatsache ist auch gesetzlich zu berücksichtigen.

Nicht übersehen werden darf jedoch, daß der dauerhafte exzessive Konsum psychoaktiver Substanzen, unabhängig von deren rechtlichem Status, zum Risiko für das somatische, psychische und soziale Wohlbefinden der Menschen werden kann. Physische und psychische Abhängigkeit von Drogen kann das Leben von DrogenkonsumentInnen und deren sozialen Umfelds sehr komplex und zerstörerisch beeinträchtigen.

Prohibition hält indes eine solche Entwicklung in der Regel nicht auf, sondern schafft nur zusätzliche Risiken. Zu diesen gehören hohe Morbiditäts- und Mortalitätsraten bei den KonsumentInnen bestimmter illegalisierter Drogen, gesundheitliche Schädigungen wie Spritzabszesse, HIV- und Hepatitisinfektionen, schwarzmarktbedingte polyvalente Konsummuster, ein hoher Grad sozialer Desintegration in Form von Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Aufenthalten in Haft und Psychiatrie sowie Deprivation. Oft sind diese "Nebenwirkungen" ausschließlich auf Strafverfolgung zurückzuführen.


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